Verlustangst in Beziehungen: Die unsichtbare Angst, verlassen zu werden – und der Weg zurück zu dir selbst
- Daniela Bodinoli

- 10. Dez. 2025
- 4 Min. Lesezeit

Es gibt Beziehungen, in denen objektiv „alles gut“ ist – und sich trotzdem im Inneren etwas unsicher anfühlt. Eine verspätete Antwort. Ein kurzer, knapper Tonfall. Ein Blick, den du nicht ganz einordnen kannst.
Und plötzlich ist da dieses Ziehen im Bauch.
Dein Kopf beginnt zu arbeiten.
„Habe ich etwas falsch gemacht?“
„Bin ich zu viel?“
„Was, wenn sie/er sich emotional schon zurückzieht und ich es nur noch nicht richtig sehe?“
Verlustangst ist genau diese innere Bewegung: Das Gefühl, dass Liebe nicht einfach da ist, sondern jederzeit wegbrechen könnte. Und dass du wachsam sein musst, um den Moment nicht zu verpassen, in dem alles kippt.
Sie hat nichts mit „Drama“ zu tun. Sie hat mit gelebter Geschichte zu tun.
Wo Verlustangst herkommt – und warum sie so hartnäckig ist
Verlustangst entsteht selten aus dem Nichts. Häufig steckt dahinter:
Erfahrungen, in denen jemand plötzlich gegangen ist
Bezugspersonen, die unberechenbar in Nähe und Distanz waren
Momente, in denen du als Kind mit intensiven Gefühlen alleine warst
Beziehungen, in denen du dich anstrengen musstest, um geliebt zu werden
Das Nervensystem lernt daraus: Beziehung ist nicht selbstverständlich, sondern etwas, das jederzeit entgleiten kann. Und genau dieses Nervensystem meldet sich Jahre später in deiner aktuellen Beziehung – auch dann, wenn dein Gegenüber nichts „Falsches“ getan hat.
Verlustangst in Beziehungen ist also nicht nur ein Gedanke, den man „wegmachen“ kann.
Sie ist ein Muster im Körper, das sich über Jahre gebildet hat.
Wie Verlustangst in Beziehungen deinen Alltag prägt
Vielleicht erkennst du dich in einem oder mehreren Punkten wieder:
Du bist extrem sensibel für kleine Veränderungen. Ein anderer Tonfall, ein halber Blick aufs Handy, ein zurückhaltender Kuss – und in dir beginnt ein innerer Dialog, der immer in die gleiche Richtung geht: „Es stimmt etwas nicht.“
Du suchst nach Signalen. Du liest zwischen den Zeilen, analysierst Nachrichten, erinnerst dich an einzelne Sätze, suchst nach dem Moment, in dem „es gekippt ist“.
Du passt dich an. Du versuchst, „leicht“ zu sein, nicht zu viel zu wollen, deine Bedürfnisse zu zügeln, um bloss nicht als anstrengend zu gelten. Innerlich bist du angespannt – äusserlich gibst du dich verständnisvoll.
Du vermeidest offene Gespräche. Nicht weil dir Kommunikation unwichtig ist, sondern weil du Angst hast, dass ein Konflikt die Beziehung gefährdet. Also schluckst du lieber etwas herunter, als zu riskieren, dass der andere geht.
Je stärker die Verlustangst wird, desto weniger bist du in Kontakt mit dir selbst – und desto mehr kreist dein Fokus um die andere Person. Das ist erschöpfend. Und einsam.
Was in dir passiert, wenn Verlustangst dich überflutet
Verlustangst ist nicht „nur“ emotional. Sie ist ein körperlicher Alarmzustand.
Dein Herz schlägt schneller
dein Atem wird flacher
dein Körper spannt sich an
Gedanken kommen in Wellen, die du kaum stoppen kannst
Rein rational weisst du oft, dass es keine Beweise dafür gibt, dass du gerade verlassen wirst. Aber dein Körper glaubt etwas anderes.
An diesem Punkt hilft es wenig, sich selbst „zusammenzureissen“ oder sich zu sagen, man sei „lächerlich“. Was du in solchen Momenten brauchst, ist innere Beruhigung – nicht innere Abwertung.
Verlustangst will dir nicht sagen, dass du falsch bist. Sie will dir sagen, dass in dir ein Teil noch keinen sicheren Ort gefunden hat.
Was du tun kannst, wenn die Angst dich packt
Es geht nicht darum, Verlustangst zu „wegmachen“. Es geht darum, sie zu verstehen – und nach und nach mehr inneren Boden zu bekommen, wenn sie auftaucht.
1. Erkennen: „Das ist meine Geschichte – nicht unbedingt die jetzige Realität“
Der erste Schritt ist, den Moment zu bemerken, in dem du in alte Muster rutschst.
Nicht: „Ich übertreibe schon wieder.“
Sondern: „Aha, mein System ist gerade in Alarm. Das kenne ich.“
Allein diese Unterscheidung – zwischen der aktuellen Situation und deiner inneren Geschichte – schafft etwas Abstand. Du bist nicht mehr komplett mit der Angst verschmolzen.
2. Den Körper mit ins Boot holen
Verlustangst sitzt im Nervensystem.
Deshalb braucht es den Körper:
bewusst ausatmen, länger aus als ein
aufstehen, kurz gehen, Wasser trinken
die Füsse spüren, den Boden wahrnehmen
Es geht nicht um „Techniken“, sondern darum, deinem Körper zu signalisieren:
Ich bin da. Du bist gerade sicher.
3. Innere Sätze überprüfen
Viele Menschen mit Verlustangst tragen Sätze in sich wie:
„Ich bin leicht zu ersetzen.“
„Ich bin nur liebenswert, wenn ich funktioniere.“
„Wenn ich meine Bedürfnisse zeige, gehe ich ein Risiko ein.“
Diese Sätze arbeiten im Hintergrund und färben jede Situation. Sie zu bemerken und vorsichtig zu hinterfragen, ist ein Teil der Heilung. Nicht indem du dir etwas „Schönes“ einredest, sondern indem du prüfst, ob diese Sätze wirklich zu deinem heutigen Leben passen.
4. Dich mitteilen – ohne Druck
Verlustangst verschwindet nicht dadurch, dass du sie versteckst.
Im Gegenteil: Sie wird lauter.
Es kann ein grosser Schritt sein, deinem Gegenüber zu sagen:
„In solchen Momenten bekomme ich schnell Angst, dich zu verlieren. Mir ist klar, dass das mit meiner Geschichte zu tun hat – aber ich möchte, dass du weisst, was in mir passiert.“
So entsteht keine Forderung, sondern ein Einblick. Du nimmst deine Verantwortung für deine Gefühle – und lässt gleichzeitig Nähe zu.
Wenn Verlustangst zur Dauerschleife wird
Manchmal reicht es nicht mehr, einzelne Situationen zu beruhigen. Vielleicht merkst du, dass du dich in fast jeder Beziehung ähnlich erlebst. Dass du immer wieder an den Punkt kommst, an dem du dich selbst verlierst, um gehalten zu werden.
Dann geht es nicht mehr darum, einzelne Situationen zu beruhigen, sondern darum, die Wurzel zu verstehen. Dann geht es um etwas Tieferes:
alte Bindungserfahrungen
innere Bilder von dir selbst
die Frage, was du glaubst, tun zu müssen, um geliebt zu werden
Verlustangst zeigt nicht, dass du falsch liebst. Sie zeigt, dass du sehr tief liebst – und dass frühe Verletzungen noch Halt brauchen.
Diese Ebenen lassen sich selten alleine sortieren. Und du musst es auch nicht alleine tun. Wenn du spürst, dass dich Verlustangst immer wieder einholt, begleite ich dich gerne – ruhig, klar und ohne Druck. Gemeinsam finden wir heraus, was deine Angst dir sagen will und wie du in dir selbst wieder Sicherheit aufbauen kannst.
Deine Daniela
Paar- und Sexualberaterin
Coach & Mentor für Liebe, Beziehung & Sexualität




Kommentare